Windenergie

Wer Wind sät wird Sturm ernten
Gemeinhin wird das Bibelzitat aus Hosea Kapitel 8 Vers 7 so verstanden, dass wer etwas Schlechtes tut, dieses um ein Vielfaches gesteigert zurückerhält. Wind ist jedoch nicht böse, er existiert ohne Vorsatz als Ausgleichsbewegung unterschiedlich zusammengesetzter Luftmassen. Wer ein Haferkorn sät, wird eine Ähre erhalten, was bedeutet, auf „Gutes“ trifft die wundersame Vermehrung gleichermassen zu. Somit beschreibt das Gleichnis lediglich das Prinzip, das durch Spaltung Leben entsteht. Sehr treffend wurde für den Tatort am 14.6.2015, ARD 20 Uhr 15 das Bibelzitat abgewandelt „Wer Wind erntet, sät Sturm“. Bei Betrachtung der Folgen der heutigen Windenergienutzung ist leicht festzustellen, dass sie einem Orkan gleichen.
Blendend weisse, sich ständig drehende Riesenpropeller mit nächtlichen roten Blinklichtern die vor der tiefstehenden Sonne einen sich bewegenden monströsen Schlagschatten erzeugen. Für die Errichtung der Anlagen in Moorgebieten müssen die Fundamente, Kranstandorte und entsprechend breite Zulieferwege besondere Anforderungen an die Tragfähigkeit erfüllen. Die Verwendung von Stahl ist hinsichtlich des Gewichtes und des Energiebedarfes bei der Herstellung umweltproblematisch. Gleiches gilt für die Verwendung von seltenen Erden bei Magneten und Elektronik. Durch Einspülung von Säuren in Bohrlöcher entstehen hochgiftige Spülwässer und Radioaktivität als Nebenprodukte, von den Transportumweltkosten der meist in der Welt der alten Gesteine gelegenen Abbaustätten ganz zu schweigen. Auf den ersten Blick winkende Erträge aus Pachtzahlungen, entpuppen sich über dem Tellerrand als Verlust des Flächeneigentums, der Wegnahme der Entscheidungsmöglichkeit für Grundstückseigentümer und deren Erben, der Abhängigkeit bei Wartung und Repowering nach dem Motto, dürfen es noch ein paar Meter mehr sein? Zudem zieht die konzentrierte Gewinnung von Strom Verteilungsprobleme nach sich, die unterstützt durch den Börsenhandel den Bau von Stromtrassen, Umspannstationen und Konverterplattformen bedeuten. Alles ähnlich unerwünscht und problembehaftet wie die Riesenwindräder, was wiederum dazu führt, dass Verwaltung und Gesetzeswerk unübersichtliche und lebensferne Ausmasse annehmen. Windfirmen reduzieren ihren Anteil auf eine überschaubare Kosten-Nutzen-Rechnung, die diverse Bilanzierungsfehler enthält und keiner der vielen weltweit anderen beteiligten Parteien gerecht werden kann.
Warum müssen die Windanlagen weiss, aus Stahl sein und immer grösser werden? Ein dreissig Meter hoher Holzpropeller fügt sich in die Landschaft ein, ist gut zu warten, erzeugt einen baumgrossen Schlagschatten, benötigt kein Blinklicht, keine besonderen Zulieferwege, keine Umweltverträglichkeitsprüfung, ein einfaches Fundament, geringere Mengen seltener Erden, ist Kohlendioxidreduziert in der Herstellung und bezahlbar. Die produzierte Strommenge ist zwar kleiner, kann jedoch selbstgenutzt und intelligent im direkten Umkreis an Nachbarn und Gemeinde auf bestehenden Stromnetzen verteilt werden. Das lässt Raum zur Entwicklung neuer Konzepte wie Speichermedien für den Hausgebrauch, Umwandlung in Windgas oder Nutzung einer niedrigeren Netzspannung wie bei der Bahn. Für Städte stellt sich die Frage, wenn Satellitenschüsseln als nichtlebensnotwendige Installation an Häusern akzeptiert werden, warum Windräder nicht erlaubt sein sollten. Sie decken vielleicht nicht den ganzen Bedarf, tragen aber zur Entlastung bei. Gleiches gilt für ohnehin nicht ästhetische Industrieanlagen, die über Solarenergie und Windräder einen Teil des Stromes auf dem Gelände produzieren können. Alles in allem werden so die gesetzlichen Regulierungen auf eine vernünftige Menge geschrumpft, die der Verwaltung die Arbeit erleichtert.
Mit der jetzigen Variante wird rücksichtslos einer Wirtschaftlichkeit hinterhergerannt, die offensichtlich nur ein paar der beteiligten Parteien einholen und nutzen können. Nach anfangs zitiertem Gleichnis ist anzunehmen, dass diese Menschen nicht wissen, was sie damit anrichten. Doch auch den Dinosaurierern ist das Prinzip des Lebens letztlich zum Verhängnis geworden, weil sie die Einzelfaktoren Grösse und Stärke überbewertet, die zahlreichen Vernetzungen mit ihrer Umwelt vergessen und ein derart grosses Ungleichgewicht erzeugt haben, dass sie ausgestorben sind. Wenn das Gesamtziel einer möglichst bedarfssicheren Stromverteilung ohne Umweltschäden bezogen auf die ganze Erde im Auge behalten wird, entstehen die geeigneten Mittel zur Umsetzung von all-eine aus dem Nichts. Wer Wind mit dem nötigen Verständnis erntet, wird Strom säen.
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Ursprünglich war die Windenergie als Sachthema geplant, da hier in Hemmoor der Windpark Bröckelbeck schon seit ein paar Jahren für reichlich Aufruhr sorgt. Die VerpächterInnen der Grundstücke sind dafür und verstehen nicht, warum die Nur-AnwohnerInnen sich gegen die neue und saubere Energie wehren. Manchmal stellt sich eine persönliche Betroffenheit jedoch schneller ein, als gedacht. Im Zuge der Neuaufstellung des regionalen Raumordnungsplanes können Änderungen bei der Ausweisung von Windvorranggebieten erfolgen. Das wird von einer Firma genutzt, die nun im Vorab die Lage sondiert und den Bau eines weiteren Windparks “Hackemühlen” anstrebt. Der Landkreis hat diese Fläche bereits in Betracht gezogen, die Gemeinde ist wohl noch nicht in Kenntnis gesetzt. Zu der Informationsveranstaltung waren mitnichten alle Anwohner, sondern nur die Grundstückseigentümer geladen. Wegen der zudem recht unwissenschaftlichen Diskussion und romantisch verklärter Leserbriefe, habe ich in einem Beitrag an die Niederelbe-Zeitung versucht, die Tatsachen zu beschreiben:

Sehr geehrte Redaktion,
die Dikussion um Für und Wider der Windenergie als auch der Leserbrief vom 16.4.2015 zeigen deutlich, warum es mit der Akzeptanz in der Bevölkerung nicht so richtig vorangeht. Das im bundesdeutschen Vergleich arme Ruhrgebiet ist eher als Beispiel für eine zukunftslose monopolorientierte Wirtschaftsentwicklung zu sehen, deren Abhängigkeit von der Kohle sowohl alternative Energielösungen als auch die Ansiedelung neuer Wirtschaftszweige bis heute blockiert. Die langjährige Ausbeutung fossiler Energieträger führte zu erheblichen Landschafts-, Umwelt-, Klima- und Menschenschäden, letzteres durch Enteignungen und Umsiedelungen ganzer Orte. Windenergie wird seit Jahrhunderten genutzt und ist im Vergleich mit verbrennungsbasierten Systemen bei der reinen Stromgewinnung sehr sauber, verbraucht jedoch für Anlagenherstellung, Transport und Aufbau einiges an Ressourcen und produziert verschiedenste Abfälle. Neben der Windräder, die immer weiter gen Himmel wachsen, benötigt es zudem Konverterplattformen für die Offshoreanlagen und Verteilersysteme wie Kabel und Stromtrassen, mitnichten ein Nullsummenspiel. Weiter wird auf speziell für Grundstückseigentümer veranstalteten Informationsabenden die Verpachtung der Flächen schmackhaft gemacht und das Märchen von besonderen Schwierigkeiten bei einem Eigenbau am Leben erhalten.
Solche pseudowissenschaftlichen Einschätzungen, fehlerhaften Bilanzierungen und lobbyistischen Einflussnahmen fördern die Überbewertung des Wirtschafts-, respektive Kapitalbereiches der Projekte. Für Wirtschaftlichkeit und Gewinnmaximierung werden die Faktoren Umwelt und Mensch entkoppelt und auf die Umweltverträglichkeitsprüfung ausgelagert, welche nur Empfehlungscharakter aber keine Rechtswirksamkeit besitzt. Durch Zwischenschaltung der Behörde verlagert sich so gleichzeitig das Klageverfahren von den ordentlichen Gerichten an die Verwaltungsgerichte, mit allen Besonderheiten dieser Gerichtsbarkeit. Durch die Reduzierung auf den Faktor Geld entsteht zudem eine Art Währungskursproblematik. Während Herstellungs- und laufende Kosten leicht zu beziffern sind, können durch Umweltschäden entstandene Grundrechtsverletzungen wie Lebensqualität, Gesundheit und Eigentumswerte nicht reell umgerechnet werden. Den Verlust der Grundrechte mit Beteiligungen, Renditen, laufenden oder Einmalzahlungen abzufinden und sie den wirtschaftlichen Belangen unterzuordnen, ist ein schwacher Versuch des Ausgleiches und bleibt letztlich eine Sozialisierung der Kosten unter Verletzung des Rechtsstaatsprinzipes.
Um diese Dysbalance auszugleichen, sollte vielmehr den unveräusserlichen Grundrechten jedes Einzelnen, die den drei Staatsgewalten als unmittelbar geltendes Recht übergeordnet sind, Rechnung getragen werden. Dahingehend ist ein gleichberechtigter Planungs- und Entscheidungsprozess für alle Beteiligten vonnöten, der die Grundrechte als Bewertungsmassstab einsetzt, eine Vermeidung von Grundrechtsverletzungen zum Ziel hat und Raum für neue Lösungsideen lässt. Neben dem Verständnis für Windenergie und der Rufaufwertung der Wirtschaft, kann nur so eine echte Akzeptanz in der Bevölkerung entstehen und die zukunftsweisende Energieform Windkraft wird im “enkeltauglichen”, nachhaltigen Sinne tatsächlich alternativ und sauber.
Mit freundlichen Grüssen
Regina Hanel